Kihon

Der Gelehrte studiert die Natur nicht, weil das etwas Nützliches ist. Er studiert sie, weil er daran Freude hat, und er hat Freude daran, weil sie so schön ist. Wenn die Natur nicht so schön wäre, so wäre es nicht der Mühe wert, sie kennen zu lernen, und das Leben wäre nicht wert, gelebt zu werden. Henri Poincaré

Physikalische Betrachtung zu Mawashi- und Uramawashi-Geri

von Andreas Dick, 2013

Bei diesen Techniken hat der Drehimpuls eine zentrale bedeutung: L = r × m·v

1.

In der ersten Phase stehen beide Beine am Boden. Der Körper kann hier noch einen Start-Drehimpuls aufnehmen, indem er ein Drehmoment (Rotationskraft) auf den Boden abgibt.

Ich vermute, dass dieser Drehimpuls vorallem biem Mawashi sehr Wichtig ist, beim Uramawashi ist er eher hinderlich (z.B. dürfte auf einer frei drehenden Unterlage ein Mawashi-Geri eher schwieriger sein als ein Uramawashi).

2.

Von dem Moment an wo sich das schlagende Bein vom Boden gelösst hat, ist das Standbein alleine für Drehimpulsänderungen (=Drehmoment) zuständig. Schnelle Beschleunigungen werden nun wohl meist durch Drehmoment-Kompensierte Bewegungen (mit Gegendrehen) erzielt. Ansonsten müsste das Standbein ein Drehmoment auf den Boden übertragen, was zumindest beim Beschleunigen eher schwierig sein dürfte.

3.

In der Flugphase konzentriert man sich also auf das kompensieren von Drehmomenten:

  • Mawashi-Geri:
    Zu Beginn, wenn das Knie noch angezogen ist, dreht sich der ganze Körper schnell (r klein, v gross, m gross). Danach, wenn das Bein zum Schalgen ausgestreckt wird, dann stoppt sich die Drehung des Oberkörpers und das Bein übernimmt den Drehimpuls (r gross, v gross, m klein).
  • Uramawashi-Geri:
    Das Bein muss nahe dem Körper vorbei (r klein) gehen, damit fast kein Drehimpuls in Bewegungsrichtung entsteht. Erst wenn sich das Bein oben in der Luft befindet, dreht sich der Oberkörper entegen der Schlagrichtung ab. Der Drehimpuls bleibt bei diesem Vorgang erhalten, kein Drehmoment wird auf den Boden übertragen.

4a.

Beim Stoppen in der Luft (Kihon) ist es wie beim Suki: durch das Anspannen der Muskeln vergrössert sich die Masse des drehenden Systems, und die Geschwindigkeit verringert sich schnell.

  • Beim Mawashi muss das Standbein nun einen Teil des Drehimpulses aus der ersten Phase aufnehmen. Hilfe kann das Standbein vom Oberkörper erhalten: wenn dieser sich im letzten Moment in Gegenrichtung zurückdreht, dann kann er einen grossen Teil des Drehimpulses kompensieren, das Drehmoment dafür stammt nun nicht aus dem Bein sondern aus dem Oberkörper (wohl eher für Fortgeschrittene).
  • Beim Uramawashi stopt sich das Bein von alleine wenn die Drehbewegung des Oberkörpers stoppt. Und genau hier liegt der Trick: wenn aus der ersten Phase ein Drehimpuls entgegen dem Schlag resultiert, dann muss dieser hier auch noch gestoppt werden, und das schadet der Schlagkraft und auch dem Gleichgewicht.

4b.

Beim Schlag auf das Polster ist die Frage, woher stammt denn die Energie welche für den Schlag verwendet werden kann? Meine Antwort bei beiden Techniken ist: aus der Vorbereitungsphase (1.).

  • Beim Mawashi kann die Gegendrehung zum Stoppen wie in 4a entfallen, der ganze Drehimpuls des Schlages kann auf das Polster abgegeben werden. Zusätzlich kann sich der Oberkörper bei der Vorbereitung mit Drehimpuls aufladen, indem er sich schon vor dem Lösen des Beines mitdreht (Vordrehen, wie beim Snowboarden :-). Danach, in der Flugphase, kann wohl keine Energie mehr aufgenommen werden, und auch während dem Aufprall kann das Standbein nicht mehr viel zur Energie beitragen.
  • Beim Uramawashi ist es recht schwierig, viel Energie zu übertragen. Die Masse des Beines ist eher klein, und wenn es angespannt wird um die Masse zu erhöhen, dann dreht es sich ja mit dem Körper mit: dieser muss sich also im letzten Moment (nach dem Gegendrehen) wieder Zurückdrehen! Zusätzlich kann schon in der Vorbereitungsphase Drehimpuls getankt werden, und zwar nicht wie beim Mawashi in Drehrichtung, sondern entgegen dieser, so dass sich der ganze Körper während der Flugphase netto etwas in Schlagrichtung dreht. Also: Drehung "mit", dann "gegen" und zuletzt wieder "mit" dem Schlag… ich gebe zu, das ist hohe Schule.

Zusammenfassung

Ich verstehe nun also gut, warum Kinder (welche noch recht beweglich sind), den Uramawashi-Geri eher beherschen als den Mawashi-Geri: ich vermute dass die Drehmoment-kompensierte Bewegung viel einfacher ist als wenn schon in der Vorbereitungsphase ein Drehimpuls aufgebaut und dann transportiert werden muss.

Dagegen ist es wohl generell mit kompensierten Schlägen schwierig, Energie auf ein Schlagpolster abzugeben. Der Uramawashi-Geri bleibt aber diesbezüglich eine Ausnahme, weil bei den anderen Techniken (wie Mawashi, Uraken, Zuki, usw.) kann man entweder Energie aus der Vorbereitungsphase mitnehmen oder man steht mit beiden Beinen auf dem Boden und es ist während dem Schlag möglich eine Kraft auf den Boden auszuüben. Beim Uramawashi-Geri muss die Energie (jedenfalls nach meiner Theorie) mit Richtungswechseln aufgebaut werden, das nötige Drehmoment stammt dabei aus dem Oberkörper (Bauch und Rücken).

Prüfungsreglement

Das Prüfungsreglement ist nur für angemeldete Mitglieder einsehbar.

Lexikon

Begriffe und Techniken ausführlich beschrieben: